Es gibt Morgen, an die man sich jahrelang erinnert. Jene, in denen der Wald noch dunkel ist, aber das Licht schon etwas verändert — in der Luft, in der Stille, in der Art, wie die Kastanienbäume langsam aus der Nacht auftauchen. In Bosco Ciancio, auf 1.200 Metern an der Südseite des Ätna, haben die Sonnenaufgänge eine besondere Qualität.
Ein Kastanienhain, der nie ganz schläft

Dreißig Hektar Privatwald — das ist die Landschaft, die Bosco Ciancio umgibt. Es ist kein Park, es ist kein Garten. Es ist ein wilder Kastanienhain, der ohne Eingriffe wachsen durfte, wo die Natur ihren eigenen Jahreszeitenrhythmen folgt. Und die Rhythmen des Waldes, nachts und im Morgengrauen, sind ganz anders als die des Tages.
Wer hier früh aufsteht, wird belohnt. Noch bevor die Sonne die Baumkronen berührt, hört man den Ruf des Wiedehopfs — einer der markantesten Laute der europäischen Wälder und einer der seltensten. Ein kurzer, wiederholter Gesang, der wie aus einer anderen Zeit zu kommen scheint. Er ist das Zeichen, dass der Wald erwacht.
Dann kommen im Frühling die Schwalben. Die Falken sind fast immer oben sichtbar, reglos in der warmen Luft, die vom Hang des Vulkans aufsteigt. Nachts die Eulen. In Bosco Ciancio hört man sie regelmäßig — ein Zeichen, dass der Wald gesund ist, dass die wilde Fauna intakt geblieben ist.
Der Wald wurde nicht verbessert. Er wurde in Ruhe gelassen. Und genau das macht ihn außergewöhnlich.
Wilde Flora: Spargel, Pilze, aromatische Pflanzen
Im Kastanienhain von Bosco Ciancio zu gehen bedeutet im Frühling wilden Spargel zu finden, der zwischen den trockenen Blättern sprießt. Im Herbst die Pilze — die die Einheimischen seit Generationen kennen und sammeln.
Das ganze Jahr über bearbeiten die Bienen die aromatischen Pflanzen, die spontan im Unterholz wachsen: ein tiefes, fast unmerkliches Summen, das man nur hört, wenn man stehen bleibt.
Es ist kein Wald, den man besucht: es ist ein Wald, in dem man lebt. Die Pfade öffnen sich natürlich zwischen den Stämmen. Der Boden ist weich unter den Füßen. Das Licht, das durch die Baumkronen fällt, verändert sich von Stunde zu Stunde, von Jahreszeit zu Jahreszeit.
Warum es auf 1.200 Metern keine Zikaden gibt

Wer nach Bosco Ciancio kommt und den typischen Klang des sizilianischen Sommers erwartet, ist überrascht: Zikaden gibt es hier nicht.
Auf 1.200 Metern über dem Meeresspiegel erlauben die Abendtemperaturen ihre Anwesenheit nicht.
An ihrer Stelle: der Wind in den Blättern der Kastanienbäume — ein langsamerer, älterer Klang, der die Abende selbst mitten im Sommer begleitet.
Es ist eines der Details, an die sich die Gäste nach ihrer Rückkehr nach Hause am meisten erinnern. Die abendliche Frische im Juli. Die Decke der Stille. Das Fehlen von Hintergrundgeräuschen, das in den Tagen des Aufenthalts zur Norm wird — und das man bei der Rückkehr in die Stadt wie einen Verlust empfindet.
In der Stille aufwachen, mit dem Ruf eines Wiedehopfs als Wecker. Das vergisst man nicht.
Die Sonnenaufgänge in Bosco Ciancio müssen nicht organisiert oder geplant werden. Es reicht, etwas früher als gewöhnlich aufzuwachen, die Zimmertür zu öffnen und durch den Wald zu gehen. Den Rest übernimmt der Kastanienhain.







